Mit Herzblut restauriert: Die Kanone der „Böller-Freunde Centgemeinde Reichartshausen“ feiert ihren ersten Einsatz
Reichartshausen. Manchmal beginnt eine besondere Geschichte mit einem einfachen Telefonanruf. So war es auch bei den „Böller-Freunden Centgemeinde Reichartshausen“, deren beeindruckende Kanone heute nicht nur ein Stück Handwerkskunst, sondern auch ein Symbol für Gemeinschaft, Tradition und ehrenamtliches Engagement ist.
Am 12. Mai 2025 erhielt Herbert Ossinger einen Anruf eines ehemaligen Kollegen. Die Frage war ungewöhnlich: Ob er Interesse an einer alten Kanone habe? Für den erfahrenen Kanonenbauer war schnell klar, dass zumindest eine Besichtigung lohnenswert sein könnte. Doch aus der ersten Neugier entstand schon bald eine Vision. Die Idee, innerhalb der Schützengilde Reichartshausen eine neue Interessengruppe rund um das traditionelle Böllerschießen ins Leben zu rufen, hatte ihn bereits länger beschäftigt. Nun bot sich die ideale Gelegenheit, Gleichgesinnte für dieses besondere Projekt zu gewinnen.
Bei der Besichtigung in Epfenbach zeigte sich schnell, dass die Kanone zwar in keinen optimalen Zustand war, aber enormes Potenzial besaß. Nach Zustimmung der Vorstandschaft der Schützengilde Reichartshausen wurde am 10. Juni 2025 die Entscheidung zum Kauf getroffen. Was folgte, war ein beeindruckendes Beispiel für Zusammenhalt und Vereinsgeist: Zehn engagierte Mitglieder erklärten sich spontan bereit, die Anschaffung finanziell zu unterstützen und durch Spenden zu ermöglichen.
Bereits am 14. Juni wurde die Kanone von Herbert, Ottmar und Stefan Ossinger nach Reichartshausen transportiert. In einer Halle von Daniela Schwanz fand das historische Stück seinen vorübergehenden Platz – und wurde zur Großbaustelle für ein außergewöhnliches Restaurierungsprojekt. Was zunächst nach einigen Reparaturen aussah, entwickelte sich zu monatelanger Präzisionsarbeit. Mit großer Leidenschaft und unzähligen Arbeitsstunden übernahm vor allem Herbert Ossinger die aufwendige Restaurierung.
Holz musste gehobelt, geschliffen und gespachtelt werden. Metallteile wurden geschnitten, angepasst und geschweißt. Zahlreiche technische Einzelheiten – von der Zündvorrichtung über die Abzugseinrichtung bis hin zu den Befestigungen – mussten neu geplant und gefertigt werden. Immer wieder waren handwerkliches Geschick, Geduld und Fachwissen gefragt. Selbst als die Arbeiten nahezu abgeschlossen waren, machten neue behördliche Anforderungen weitere Anpassungen notwendig. Doch die Motivation der Beteiligten blieb ungebrochen.
Nach Monaten intensiver Arbeit war es schließlich so weit: Die restaurierte Kanone wurde dem Beschussamt in Mellrichstadt vorgestellt. Dort bestand sie die vorgeschriebene Prüfung ohne jede Beanstandung. Mit offiziellem Stempel und den entsprechenden Dokumenten erhielt sie die Freigabe für den Einsatz – ein Moment des Stolzes für alle Beteiligten.
Der große Augenblick folgte am 21. Juni 2026. Bei der Einweihung des neuen Bogenplatzes der SGi Reichartshausen ertönte erstmals der mächtige Donner der Kanone. Unterstützt von den Kerweburschen, die der Veranstaltung einen würdigen Rahmen verliehen, erlebten Besucher und Vereinsmitglieder einen besonderen Moment, der die lange Reise von der Idee bis zum ersten Schuss eindrucksvoll abschloss.
Die neu gegründeten „Böller-Freunde“ haben sich zum Ziel gesetzt, die traditionsreiche Kultur des Böllerns bei festlichen Anlässen zu pflegen und lebendig zu halten. Dabei stehen Brauchtum, Kameradschaft und verantwortungsvoller Umgang mit der Tradition stets im Mittelpunkt. Mit ihrer restaurierten Kanone haben die Mitglieder nicht nur ein historisches Objekt bewahrt, sondern auch ein sichtbares Zeichen dafür gesetzt, was mit Begeisterung, Gemeinschaftssinn und ehrenamtlichem Einsatz erreicht werden kann.
Bericht+Fotos: Juan Zelko, Pressewart
Foto Kanone
Foto Kanone mit Herbert Ossinger

